Sonntag, 6. April 2014

2:1 - "Big Point" dank überragender Mentalität

Dank einer überragenden Willensleistung, zwei perfekten Einwechslungen Jürgen Klopps und der tollen Unterstützung des großartigen Publikums dreht Borussia Dortmund einen 0:1-Halbzeit-Rückstand gegen den VfL Wolfsburg am 29. Bundesliga-Spieltag in einen verdienten 2:1-Sieg. Robert Lewandowski und Marco Reus verwandelten mit ihren Treffern das mit 80.000 Zuschauern gefüllte Westfalenstadion in ein Tollhaus. Mit dem Sieg gegen den direkten Konkurrenten aus Niedersachsen gelang dem BVB damit ein absoluter "Big Point" im Kampf um die direkte Champions League-Qualifikation. Da Leverkusen beim HSV mit 1:2 unterlag, baute die Borussia den Vorsprung auf Platz vier, den nun Borussia M´gladbach belegt, auf vorentscheidende zehn Punkte aus. Bei nur noch 15 zu vergebenden Punkten ein respektables Polster.

Reus staubt zum 2:1 für den BVB ab. (Foto: kicker)
PERSONAL

Zur weiterhin mit fünf Langzeitverletzten besetzten Ausfall-Liste des BVB gesellte sich gegen die Wölfe mit Roman Weidenfeller ein weiterer Hochkaräter. So kam Mitchell Langerak zu ohnehin längst fälliger Wettkampfpraxis. Der an einer Erkältung laborierende Erik Durm blieb zunächst auf der Bank. Seine Position als Linksverteidiger übernahm (wer sonst??) Allzweckwaffe Kevin Großkreutz.

SPIELVERLAUF

Obwohl beide Mannschaften von Beginn an nur schwer in die Partie fanden und keine Linie in ihr Spiel bringen konnten, ergaben sich aus dem Fehlerfestival zwangsläufig Torchancen hüben (Reus, 8.) wie drüben (Olic, 10.). Dortmund versuchte gegen die kompakte VfL-Defensive mit Direktspiel zum Erfolg zu kommen, scheiterte aber immer wieder an Unzulänglichkeiten beim "letzten Paß". Daraus ergaben sich für Wolfsburg Konterchancen (de Bruyne, 24.). Dennoch pendelte sich die Partie vor allem von BVB-Seite auf einem schwachen Niveau ein. Eklatante Dortmunder Abspielfehler in der Vorwärtsbewegung (Hummels, Sahin, Mkhitaryan) brachten die eigene Defensive immer wieder in Not.

Zweikampf Malanda/Kehl (Foto: kicker)

Einen Malanda-Kopfball konnte Langerak in der 34. Minute schließlich nur abklatschen und Olic staubte aus kurzer Distanz zum 0:1 für die Gäste ab. Dortmund konnte sich bei Glücksgöttin Fortuna bedanken, daß der VfL weitere gute Gelegenheiten fast fahrlässig ausließ. Die größte in der 43. Minute, als Olic in einen de-Bruyne-Paß rutschte und das Leder an die Unterkante des Dortmunder Tores knallte. Von dort sprang der Ball zurück auf Olics Fuß und erneut ans Quergebälk.

In der Halbzeit stellte BVB-Coach Klopp seine Mannschaft um, brachte Jojic für Sahin und Durm für Aubameyang. Dadurch wurde Großkreutz frei für seine angestammte Position im offensiven linken Mittelfeld. Im Duett mit dem nun hinter ihm agierenden Durm sorgte "Uns Kevin" nun für einige vielversprechende Offensiv-Aktionen. Zudem entlastete Jojic Kapitän Kehl wirkungsvoll in der Defensive, sorgte aber auch im Angriffsspiel des BVB für Impulse. Die nun wesentlich entschlossener auftretenden Borussen erkämpften sich mit zunehmender Spieldauer immer mehr Vorteile und wurden bereits in der 51. Minute belohnt. Eine Reus-Ecke verwandelte Lewandowski mit dem Rücken zum vielumjubelten Ausgleich.

Gustavos Sense gegen Aubameyang (Foto: kicker)
Zwar erspielte sich Wolfsburg nach wie vor gute Möglichkeiten durch Olic und Perisic (59. und 64.), doch auch Borussia wurde immer zwingender und verpaßte durch Mkhitaryan in der 70. Minute nur denkbar knapp den Führungstreffer. Der aber fiel dann einige Minuten später. Als VfL-Keeper Grün eine Durm-Flanke, behindert vom eigenen Mitspieler fallen ließ, war Marco Reus zur Stelle und staubte zum 2:1 für den BVB ab. Dortmund hatte das Spiel gedreht, das Westfalenstadion bebte.

Im Anschluß drängten die Gäste zwar vehement auf den Ausgleich. Doch de Bruyne, Caligiuri und Perisic vergaben ihre Ausgleichschancen und der BVB brachte die knappe Führung mit viel Einsatz, Leidenschaft und (erzwungenem) Glück über die Zeit.

ANALYSE

In seinem Jubiläums-Heimspiel demonstrierten seine Schützlinge eine unfassbare Mentalität. Zum 100. Mal saß Jürgen Klopp als verantwortlicher BVB-Coach in einem Bundesligaspiel im Westfalenstadion auf der Trainerbank. Und nach einer erschreckend schwachen ersten Halbzeit sah alles nach einem sicheren Auswärtssieg des VfL Wolfsburg und einem verkorksten Klopp-Jubiläum aus. Sowohl mental als auch körperlich saft- und kraftlos schien Borussia der nächsten Heimniederlage entgegenzutaumeln.

Träsch gegen Lewandowski (Foto: kicker)
Aber wie schon in meinem Vorbericht zu dieser Partie prophezeit, brauchte die Mannschaft die erste Halbzeit, um sich die Müdigkeit aus Köpfen und Beinen zu laufen. Dabei hatte sie zwar Glück, nicht schon zur Halbzeit hoffnungslos zurückzuliegen, bewies aber wie auch das Publikum die erforderliche Geduld und Mentalität. Mannschaft und Trainer verloren nie den Glauben an die eigene Stärke, die Fans peitschten die schwattgelben Protagonisten zum Sieg und entpuppten sich als mitentscheidender zwölfter Mann. Das 2:1 basiert somit auf einer beeindruckenden Kollektivleistung der gesamten "BVB-Familie".

Eine besondere Rolle fiel dabei Jürgen Klopp zu, der in der Pause seines Jubiläumsspiels ein geniales Händchen bewies. In der Pause reagierte "Kloppo" und ebnete mit den Einwechslungen von Jojic und Durm den Weg zu einem nach der schwachen Leistung der ersten Halbzeit nicht mehr für möglich gehaltenen Sieg. Der "auf dem Zahnfleisch" laufende Sahin und der einmal mehr völlig unsichtbare Aubameyang blieben in der Kabine.

Piszczek entwischt Malanda (Foto: kicker)
Durm löste Großkreutz, der eine Position nach vorn rückte, als Linksverteidiger ab und bot sowohl defensiv als auch offensiv eine klasse Vorstellung. Jojic agierte als zweiter Sechser neben Kehl und belebte das Dortmunder Spiel auf Anhieb.

Plötzlich zeigten die Schwattgelben ein völlig anderes Gesicht. Klopps Pausenansprache muß "gesessen" und entsprechende Kräfte bei seinen Schützlingen freigesetzt haben. Körpersprache, Zweikampfführung, Pressing stimmten ab der 46. Minute. Und mit zunehmender Spieldauer setzte Borussia auch wieder die zuvor vermißten spielerischen Akzente. Auch wenn nicht alles Gold war, was glänzte - Dortmund setzte die "Wölfe" nun unter Druck und wurde durch die Tore des eminent starken Robert Lewandowski und Marco Reus belohnt. Die beiden Torjäger des BVB besorgten mit ihren Treffern den so wichtigen Sieg.

Reus verzieht nur knapp gegen VfL-Keeper Grün (Foto: kicker)
Nicht verschwiegen werden darf jedoch, daß Wolfsburg die Partie trotz allem hätte gewinnen könnnen. Denn Borussias Abwehr wirkte zwar in Halbzeit Zwei erheblich sattelfester, erlaubte den Gästen aber weiterhin zu viele teilweise klare Einschußmöglichkeiten. Das muß am Dienstag im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinals dringend vermieden werden. Die Weltstars des spanischen Rekordmeisters bestrafen solche Defensivschwächen gnadenlos.

Mit dem aufgrund des Spielverlaufs auch psychologisch wichtigen Sieg gegen Wolfsburg könnte der Glaube im Bewußtsein der Spieler gestiegen sein, den Drei-Tore-Rückstand gegen Real doch noch wettmachen zu können. Bei einem günstigen Spielverlauf und mit der Unterstützung dieses wahnsinnigen Publikums ist am Dienstag auch einem ersatzgeschwächten BVB gegen die "Königlichen" alles zuzutrauen.

Somit steigt für das CL-Rückspiel die Hoffnung auf ein weiteres BVB-Wunder. Schon oft in seiner 40jährigen Geschichte wurde das Westfalenstadion zu einem Ort schwattgelber Fußballwunder - zuletzt vor Jahresfrist beim unvergessenen "Last-Second-Sieg" gegen Malaga und dem 4:1 gegen Real Madrid.

Also Borussia! We have a dream - make it real!

Die PK mit Jürgen Klopp nach dem Spiel gegen Wolfsburg (präsentiert von SportLiveDortmund)


 DIE STATISTIK

Borussia Dortmund: Langerak – Piszczek, Sokratis, Hummels, Großkreutz,  – Kehl, Sahin – Aubameyang, Mkhitaryan, Reus – Lewandowski
VfL Wolfsburg: Grün – Träsch, Naldo, Knoche, Rodriguez – Luiz Gustavo, Junior Malanda – de Bruyne, Arnold, Perisic – Olic
Einwechselungen: 46. Jojic und Durm für Sahin und Aubameyang, 76. Kirch für Mkhitaryan - 69. Ochs für Träsch, 79. Caligiuri für Malanda
Tore: 0:1 Olic (34., Malanda), 1:1 Lewandowski (51., Ecke Reus), 2:1 Reus (77., Durm)
Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg)
Gelbe Karten: Sahin, Jojic - Träsch
Zuschauer: 80.000

HIER SPRICHT KLOPPO

„Wir haben heute eine unfassbare Mentalität gezeigt. In der ersten Halbzeit haben wir uns sehr schwer getan. Das ist nach einem Champions-League-Spiel häufig so, da muss man die fehlenden Körner dann über den Willen kompensieren. Die riesengroße Qualität von Wolfsburg hat sich da auch bemerkbar gemacht. Wir haben zu viele leichte und ungezwungene Fehler gemacht. Eigentlich ist das ein Todesurteil gegen eine Umschaltmannschaft wie den VfL. Wir haben es mit Geschick und ein wenig Glück verteidigt und liegen zur Pause glücklicherweise nur mit einem Tor zurück. Unsere zweite Halbzeit war dann richtig gut. Wir haben das System umgestellt und waren viel präsenter auf dem Platz. Am Ende haben wir mit viel Druck und Qualität das Spiel für uns entschieden.“

MEINE BVB-NOTEN

Langerak (3), Piszczek (4), Sokratis (3), Hummels (4), Großkreutz (3,5), Kehl (4), Sahin (5), Aubameyang (5,5), Mkhitaryan (4), Reus (2,5), Lewandowski (2), Durm (2), Jojic (2,5), Kirch (-).