Donnerstag, 3. April 2014

0:3 - BVB fehlten Qualität und "Cojones"

Im Dauerregen der spanischen Hauptstadt ging Borussia Dortmund "baden" und mußte im Hinspiel des Champions League-Viertelfinals in eine 0:3-Niederlage bei den "Königlichen" von Real Madrid einwilligen. Vor 73.000 Zuschauern im Estadio Bernabeu fehlten dem BVB in der ersten Halbzeit die von Jürgen Klopp im Vorfeld beschworenen "Cojones". Im zweiten Durchgang dagegen boten sich den Schwattgelben durchaus Möglichkeiten, sich für das Rückspiel im Westfalenstadion eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen, was aber nicht gelang. Insgesamt stellte sich für Borussia der personelle Aderlass gegen einen Gegner von Weltklasse-Format als zu groß heraus. So bleibt den Borussen für das Rückspiel in sechs Tagen nur die Hoffnung auf ein "Fußball-Wunder".

Schock nach drei Minuten: Bale trifft zum 1:0 (Foto: kicker)
PERSONAL

Gegenüber dem Bundesligaspiel in Stuttgart kamen Piszczek, Sahin und Aubameyang für Kirch, Hofmann und den gelbgesperrten Lewandowski in die Startelf. BVB-Coach Jürgen Klopp setzte auf Aubameyang als "falsche Neun", Piszczek sollte Cristiano Ronaldos Kreise einengen und Großkreutz Erik Durm in der Bewachung von Gareth Bale unterstützen.

SPIELVERLAUF

Bereits nach drei Minuten war die von Klopp ausgegebene Marschroute, defensiv kompakt zu stehen, reine Makkulatur. Borussia schien sich im Dauerregen von Madrid noch im Tiefschlaf zu befinden, als Gareth Bale den ersten Schnitzer der BVB-Defensive zum frühen Führungstor für Real nutzen konnte. Aus kurzer Entfernung ließ der 100-Mio.-Euro-Mann Weidenfeller keine Chance. Das frühe Tor beflügelte die Gastgeber, während Dortmund fortan in eine Art Schockstarre verfiel. Ronaldo vergab in der 10. und 12. Minute in aussichtsreichen Positionen das 2:0. Nach einer Viertelstunde und der ersten Druckwelle nahm Real ein wenig Tempo aus dem Spiel. Dortmund konnte sich ein wenig befreien, ohne jedoch auch nur ansatzweise Offensivgefahr auszustrahlen. Einen katastrophalen Ballverlust von Mkhitaryan an der eigenen Strafraumgrenze nutzte der für den verletzten di Maria ins Real-Team gerückte Isco dann zum  vorentscheidenden 2:0 (27.). Zu diesem Zeitpunkt mußte einem um den BVB Angst und Bange werden. Einen Bale-Freistoß parierte Weidenfeller glänzend (31.), Benzema (38.) und Ronaldo (40.) vergaben die mögliche 3:0-Führung. Dortmund kam lediglich durch einen Schuß von Großkreutz zu einer chancenähnlichen Situation (33.).

Cristiano Ronaldos Tor zum 3:0 (Foto: kicker)
Zum zweiten Durchgang kam der BVB personell unverändert aus der Kabine und griff die Gastgeber nun früher und auch aggressiver an. Die erste Chance hatten dennoch die Madrilenen, aber Weidenfeller parierte gegen Bale (48.). Im Gegenzug die erste Aktion des in der ersten Halbzeit indiskutabel agierenden Aubameyang, dessen Schuß aber am langen Eck vorbeistrich (49.). In der 57. Minute wurde Dortmunds Mut zu mehr Entschlossenheit durch Piszczeks Katastrophen-Querpaß am eigenen Strafraum konterkariert. Ronaldo nutzte die Situation entschlossen aus und vollstreckte zum 3:0. Dem BVB drohte ein Debakel. Doch die Schwattgelben blieben nun mutig und versuchten mit aller Macht, das so dringend benötigte Auswärtstor zu erzielen. Mkhitaryans Schuß aus kurzer Distanz wurde geblockt (59.), ebenso Reus` Möglichkeit in der 68. Minute. Klopp reagierte und verstärkte mit den Einwechslungen von Hofmann, Schieber und Jojic nochmals die Offensive. Real verlegte sich mehr oder weniger aufs Kontern und lauerte auf weitere Fehler der Dortmunder Defensive. Die gab es auch - doch Benzema konnte seine beiden Möglichkeiten nicht nutzen (61., 70.).

Der BVB blieb bis zum Abpfiff offensiv und ging beim Eckballverhältnis sogar in Führung. Doch fehlte den Aktionen der Schwattgelben die nötige Präzision - und manchmal auch das Quentchen Glück. Bales Solo in der 84. Minute hätte fast noch das 4:0 für Real gebracht. So blieb es bei dem aus Dortmunder Sicht ernüchternden und für das Rückspiel im Westfalenstadion nicht gerade als Mutmacher dienlichen 0:3.

Zu oft auf sich allein gestellt: Reus gegen Isco (Foto: kicker)
ANALYSE

Nach dem Spiel haderten die Protagonisten - zu Recht - mit sich selbst und vor allem mit der unterirdischen und völlig verschlafenen ersten Halbzeit. Borussia kam nicht in die Zweikämpfe, ließ den Madrilenen zu viel Platz und lud die "Königlichen" quasi zum Toreschießen ein. Zudem verlor Borussia in den spärlich und ängstlich vorgetragenen Angriffsversuchen viel zu schnell den Ball. Die im Vorfeld von Jürgen Klopp so humorvoll, aber durchaus mit aller Ernsthaftigkeit geforderten "Cojones" fehlten den Schwattgelben in den kompletten ersten 45 Minuten.

Im zweiten Abschnitt zeigte sich der BVB entschlossener und mutiger, stand defensiv kompakter. Der Wille, das wichtige Auswärtstor zu erzielen, wurde nun endlich sicht- und spürbar. Dennoch fehlte in vielen Offensivaktionen "der letzte Tick". Entweder kamen die Abspiele und Passversuche zu spät oder zu ungenau. Im Abschluß ließ der BVB bei insgesamt fünf großen Torchancen zudem die nötige Effektivität vermissen.

Nicht zu stoppen: Gareth Bale gegen Erik Durm (Foto: kicker)
Insgesamt war der durch fünf verletzte Leistungsträger plus des gelbgesperten Lewandowski erlittene Qualitäts- und Substanzverlust auf diesem hohen internationalen Niveau einfach zu groß. Insofern verkaufte sich Borussia im Hexenkessel "Estadio Bernabeu" gar nicht mal so schlecht, muß sich aber dennoch den Vorwurf einer verschlafenen ersten Halbzeit machen - denn für den BVB war auch mit dieser international als Verlegenheitself einzuordnenden Mannschaft mehr möglich.

Hervorzuheben aus einer diesmal mit zu vielen Ausfällen durchsetzten Dortmunder Mannschaft muß man Roman Weidenfeller. Borussias Nationalkeeper, im ersten Durchgang leicht am linken Unterarm verletzt, parierte mehrere Male glänzend und bewahrte seine Mannschaft vor einem Debakel. Mats Hummels hatte - wie alle Borussen - anfangs mit eigener und allgemeiner Verunsicherung zu kämpfen, konnte sich aber mit zunehmender Spieldauer zum Stabilisator der Defensive und Initiator einiger vielversprechender Angriffe aufschwingen. Auch Sokratis präsentierte sich in Halbzeit zwei erheblich verbessert.

Zweikampf Xabi Alonso / Mkhitaryan (Foto: kicker)
Große Schwachstellen in Dortmunds Defensive waren diesmal die Außenbahnen. Sowohl Piszczek rechts als auch Durm links bekamen ihre Gegenspieler zu keiner Zeit in den Griff und somit ihre Seiten nicht "dicht". Im defensiven Mittelfeld vermochten Sahin und Kehl nur selten, das Zentrum zu verdichten oder dem Spiel ihrer Mannschaft offensive Impulse zu verleihen. Zudem sah Kehl die dritte gelbe Karte und wird im Rückspiel fehlen.

Da Mkhitaryan völlig neben sich stand und Aubameyang weitestgehend total untertauchte, waren Marco Reus und mit Abstrichen Kevin Großkreutz im Bemühen um das Zustandekommen gefährlicher Abschlußmöglichkeiten weitestgehend auf sich allein gestellt. Der Ausfall Lewandowskis wog noch schwerer als erwartet und entpuppte sich als nicht kompensierbar.

So bleibt nur die Hoffnung auf ein Fußball-Wunder im Westfalenstadion. In sechs Tagen muß Borussia (dann wieder mit dem großen Hoffnungsträger Lewandowski) nochmals alle Kräfte bündeln, um das Unmögliche doch noch möglich zu machen. Oft genug schon hat der BVB bewiesen, daß man ihn nicht zu früh abschreiben sollte. Totgesagte leben bekanntlich länger - in schwattgelben Trikots erst Recht!

DIE STATISTIK

Real Madrid: Casillas – Carvajal, Pepe, Sergio Ramos, Fabio Coentrao – Modric, Xabi Alonso, Isco – Bale, Benzema, Cristiano Ronaldo
Borussia Dortmund: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis, Hummels, Durm – Kehl, Sahin – Reus, Mkhitaryan, Großkreutz – Aubameyang
Einwechselungen: 71. Illarramendi für Isco, 75. Morata für Benzema, 80. Casemiro für Cristiano Ronaldo - 64. Hofmann für Mkhitaryan, 67. Schieber für Piszczek, 74. Jojic für Kehl
Tore: 1:0 Bale (3., Carvajal), 2:0 Isco (27.), 3:0 Cristiano Ronaldo (57., Modric)
Schiedsrichter: Clattenburg (ENG)
Gelbe Karten: - Reus, Kehl (3., gesperrt), Großkreutz
Zuschauer: 73.000

HIER SPRICHT KLOPPO

"Wir haben nicht kompakt genug gestanden und in der Defensive zu wenig Druck ausgeübt. Uns hat aber auch die Konsequenz gefehlt, denn wir hatten eine Vielzahl an Möglichkeiten, die wir nicht genutzt haben. Entweder der letzte Pass war nicht gut genug, oder ein Bein kommt im letzten Moment noch dazwischen, oder wir vergeben die Chance. Es hat immer der letzte Tick gefehlt. Gerade in der zweiten Halbzeit haben wir Räume vorgefunden und waren läuferisch da. Leider konnten wir kein Tor mehr schießen.
Das erste Tor fällt zu früh, so wird es von Beginn an schwer. Da haben wir die Räume in der Defensive viel zu offen gelassen. Die beiden anderen Tore legen wir ihnen praktisch auf, und Real nutzt solche Möglichkeiten dann eiskalt aus.
Nach so einem Spiel ist man nicht in der Position, Kampfansagen abzugeben. Aber wir haben im Rückspiel die Verpflichtung, alles zu versuchen. Das werden wir tun, denn ein Funke Hoffnung besteht immer. Jetzt gilt es zunächst, das Spiel gegen Wolfsburg am Samstag positiv zu gestalten, dann hauen wir im Rückspiel nochmal alles raus."

MEINE BVB-NOTEN

Weidenfeller (2), Piszczek (5), Sokratis (3,5), Hummels (2,5), Durm (5), Sahin (4), Kehl (4), Großkreutz (3,5), Mkhitaryan (5), Reus (3,5), Aubameyang (5,5), Hofmann (4), Schieber (-), Jojic (-).