Montag, 7. November 2016

Montags-Einwurf #10: Die Suche nach der richtigen Balance

Wochenanfang - Zeit für den neuen Montags-Einwurf. :-)

Nachdem meine Kolumne in der vergangenen Woche ausfallen musste, versuche ich mich diesmal an einer  Analyse der vergangenen vier Pflichtspiele unseres BVB.

Außerdem gibt´s eine personelle Bestandsaufnahme und natürlich einen Ausblick auf das nach der Länderspielpause anstehende Topspiel gegen Bayern München.

Es gibt diesmal also noch mehr zu besprechen als gewöhnlich. Packen wir´s an. Vom Fan für Fans! ;-)



Hallo Borussinnen und Borussen,

vergangene Woche fiel der Montags-Einwurf meiner doch recht hartnäckigen Grippe zum Opfer. Darum gibt´s diesmal Einiges aufzuarbeiten. Schließlich fanden seit meiner letzten Kolumne vier BVB-Spiele statt.

Auf das Pokalspiel gegen Union Berlin möchte ich nur kurz eingehen. Es war zäh. Sehr zäh. Unser BVB benötigte gegen eines der Spitzenteams der 2. Liga das Elfmeterschießen zum Erreichen des Achtelfinals. Aus bekannten personalproblematischen Gründen kam der junge Jacob Bruun Larsen zu seinem Pflichtspieldebut bei den Profis. Und der A-Jugendliche machte nicht nur ein tolles Spiel, sondern erzielte sogar das einzige BVB-Tor in sehr komplizierten 120 Minuten, an deren Ende ein enttäuschendes 1:1 stand.

Zum Matchwinner avancierte jedoch ein alter Bekannter. Direkt vor seiner "Yellow Wall" parierte Roman "The Weiden-Wall" Weidenfeller, in den Pokalspielen der Schwarzgelben gesetzt, im Elfmeterschießen zwei Strafstöße der "Eisernen". Elfer Nr. 3 nagelte Skrzybski an die Torlatte. Da im Gegenzug alle Borussen vom Punkt aus trafen, war das Spektakel schnell beendet. Mit 4:1 n.E. zog Borussia ins Achtelfinale des DFB-Pokals ein.

Drei Tage später wurde es im Tempel ähnlich zäh. Das mit viel Vorfreude und großer Spannung erwartete Revierderby gegen die Blauen aus Herne-West wurde ein echter Langweiler. Unserer Mannschaft fehlte mir beim 0:0 ehrlich gesagt die echte Derby-Mentalität, der letzte Biss, die Galligkeit, das Spiel unbedingt gewinnen zu wollen.

Bester Derby-Borusse: Mario Götze
Die erste Halbzeit verschlief Borussia regelrecht, kam im zweiten Durchgang etwas besser ins Spiel - ohne aber jene Durchschlagskraft zu entwickeln, die es gebraucht hätte, den Blauen den Todesstoß zu versetzen. Einziger echter Lichtblick in einem höhepunktarmen Derby war Mario Götze. Der Rückkehrer kommt immer besser in Form. Götze war ständig anspielbar, versuchte das Spiel zu strukturieren. Leider mangelte es ihm an Nebenspielern, die auf seine Ideen eingingen. Außerdem fehlte es Mario weitgehend an Unterstützung.

Vergangenen Mittwoch schließlich das vierte CL-Spiel der Gruppenphase. Im dritten Heimspiel innerhalb von nur acht Tagen riss der BVB erneut keine Bäume aus, qualifizierte sich aber durch den 1:0-Sieg gegen Sporting vorzeitig fürs Achtelfinale der Königsklasse. Den Treffer des Tages erzielte Adrian Ramos. Der Kolumbianer war kurzfristig für Aubameyang ins Team gerutscht.

Der Gabuner wurde von Thomas Tuchel komplett aus dem Kader für dieses Spiel gestrichen. Aus internen Gründen, wie es offiziell zunächst hieß. Dieser Fauxpas sorgte nicht nur für mehr Gesprächsstoff als das Spiel gegen Sporting selbst - sondern bot auch Raum für wildwuchernde Spekulationen aller Art. Tags drauf war das Thema dann aber auch schon wieder durch. Auba präsentierte sich gutgelaunt beim Training der Reservisten und würde, so Thomas Tuchel, natürlich im Kader fürs bevorstehende Bundesligaspiel in Hamburg stehen. Also mal wieder viel Wind um eigentlich gar nix!

Beim Tabellenschlusslicht HSV konnte es für Borussia einige Tage später nur ein Ziel geben: die vier Spiele anhaltende Sieglos-Serie in der Bundesliga mit einem "Dreier" zu beenden. Wo bitte, sollten unsere Jungs auch gewinnen, wenn nicht bei einem Bundesliga-Dino, der sich in dieser Saison noch katastrophaler präsentiert, als bereits in den vergangenen Jahren.

Ohne wirklich gefordert zu werden, führte Schwarzgelb schließlich zur Pause bereits mit 3:0. Aubameyang erzielte einen lupenreinen Hattrick und ließ Treffer Nr. 4 direkt nach dem Seitenwechsel folgen. Der Gabuner entschuldigte sich also auf seine ganz eigene sportliche Art bei Mannschaft und Trainer für seinen kleinen Ausflug nach Mailand, der ihm den Kaderplatz gegen Lissabon gekostet hatte.

Nach der klaren Führung schaltete Borussia allerdings gleich mehrere Gänge zurück und ließ im Gefühl des sicheren Sieges die Zügel zu sehr schleifen. Der HSV kam folgerichtig zum Anschlusstreffer. Mehr noch: die Hanseaten brachten den BVB in echte Bedrängnis. Unsere Jungs konnten von Glück reden, dass ein weiterer Treffer des HSV wegen Foulspiels nicht anerkannt wurde. Wer weiß, was sonst an diesem Tag mit Borussia noch passiert wäre.

So nahmen die Dinge ihren normalen Lauf. Aubameyang legte Dembele das 5:1 auf, Hamburg verkürzte gegen eine defensiv erschreckend anfällige Borussia noch auf 2:5. Ende gut, alles gut? Klares Nein!

Zwar gelang unseren Jungs endlich wieder ein Bundesliga-Dreier, doch sämtliche Tore fielen aus krassen individuellen Fehlern des Tabellenschlusslichts. Mehr noch. Borussia ließ sich von einer Mannschaft in arge Bedrängnis bringen, die in den vergangenen drei Spielen nicht einen einzigen Torschuss abgab - gegen den BVB jedoch 14 (!!!!) Mal zum Abschluss kam. Unfassbar!

Was also haben die obigen vier Spiele gebracht? Rein sportlich gesehen eine sehr gute Bilanz. Achtelfinale in Pokal und CL klargemacht, vier Bundesliga-Punkte geholt und den Anschluß an die Tabellenspitze wieder hergestellt.
Legt man aber die Ansprüche, die Mannschaft und Trainer an sich selbst stellen zugrunde, läuft der BVB weiterhin seiner Form meilenweit hinterher. Spielerisch blieben viele Wünsche offen. Eine tiefgehende Analyse würde hier den Rahmen sprengen. An eine Kurz-Analyse wage ich mich trotzdem.

Woran hapert es beim BVB am meisten?
Borussia muß in seinem Spiel dringend die passende Balance zwischen kompakter Defensive und durchschlagskräftigem Offensivspiel finden. Daran hakte es zuletzt erheblich. Beispiel Ingolstadt: nach vorne hui (3 Tore), nach hinten pfui (3 Gegentore). Das Gegenbeispiel lieferten das Derby und das Heimspiel gegen Lissabon. In beiden Paarungen stand Borussia relativ kompakt - ließ aber in der Offensive jegliche Durchschlagskraft und Spielfreude vermissen.

Was sind die Gründe für das anhaltende spielerische Tief?
Hauptgrund ist das riesige Verletzungspech. Das schwarzgelbe Lazarett war zwischenzeitlich mit bis zu zwölf Spielern belegt. Dazu fehlte Emre Mor zweimal wegen Sperre nach Roter Karte.
Thomas Tuchel war dadurch gezwungen, in jedem Spiel heftig zu rotieren. Automatismen konnten sich so nie bilden. Der BVB-Motor stotterte bedenklich.
Dazu liefen (und laufen) viele Spieler ihrer Bestform hinterher. Auch das kein Wunder - kamen doch einige von ihnen aus mehr oder weniger schweren Verletzungspausen.
Schließlich die große Anzahl junger Spieler. Sie müssen sich erst einmal an den für sie völlig unbekannten Drei-Tage-Wettbewerbs-Rhythmus gewöhnen und können schon aufgrund ihrer fehlenden Erfahrung unmöglich konstante Leistung auf höchstem Niveau abrufen.

Weiterer Grund ist allerdings auch "unser Coach himself". Leider kann ich ihm den Vorwurf nicht ersparen, auch dann zu rotieren, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Dazu scheint er seine Mannschaft, die ohnehin noch auf der Suche nach Struktur und Sicherheit in den Abläufen ist, mit ständigen Taktikvarianten vor allem während eines Spiels (momentan) zu überfordern.

Positiv: Mittlerweile hat sich Borussias Personalsituation erheblich entspannt. Momentan können lediglich Subotic und Bender nicht am Trainingsbetrieb teilnehmen. Selbst Marco Reus und Erik Durm absolvieren inzwischen wieder das nahezu komplette Mannschaftstraining. Marcel Schmelzer ebenfalls. Bei allen Dreien rückt das Comeback in greifbare Nähe.

Andre Schürrle verzichtete auf die Teilnahme an den bevorstehenden Länderspielen, um durch gezieltes Training in Dortmund seine Verletzung endgültig auszukurieren und endlich den Fitnesstand zu erreichen, der Grundvoraussetzung für Top-Leistungen ist. Ähnlich verhält es sich bei Castro, Guerreiro und Bartra. Letztere reisten allerdings zu ihren Nationalteams.

Nach der Länderspielpause, die dem BVB hoffentlich nicht erneut haufenweise angeschlagene Spieler beschert, könnte es für unsere Jungs leistungsmäßig endlich wieder bergauf gehen. Thomas Tuchel kann dann u. U. endlich personell aus dem Vollen schöpfen. Das wird auch dringend notwendig sein. Denn am 19.11. kommt der FC Bayern zum absoluten Topspiel ins Westfalenstadion. Das Giganten-Duell könnte für Borussia angesichts der obigen Probleme allerdings einige Wochen zu früh kommen.

In diesem Sinne...

Markus Flügel 


(Fotos: RuhrNachrichten, eigenes Archiv)