Montag, 3. Oktober 2016

Montags-Einwurf #6: BVB zwischen Himmel und Hölle

Wochenanfang. Zeit für den neuen Montags-Einwurf! :-)

Heute beschäftige ich mich in meiner kuschelig kritischen Wochenkolumne natürlich mit dem Gala-Auftritt des BVB gegen Real Madrid.

Aber natürlich auch mit dem enttäuschenden 0:2 unserer Jungs im Bundesliga-Topspiel bei Bayer Leverkusen.

Es gibt viel zu besprechen. Vom Fan für Fans. Packen wir´s an! ;-)


Hallo Borussinnen und Borussen,

die vergangene Woche war für uns alle wohl ein Wechselbad der Gefühle. Himmelhochjauchzend nach dem Gala-Auftritt des BVB gegen Real Madrid. Zu Tode betrübt nach der bitteren "Pille", die uns am Samstagabend die Leverkusener verabreicht haben.

Aber so ist der Fußball. Wie im richtigen Leben ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Wär doch auch zu einfach und viel zu langweilig. Oder?

Wenn uns die letzten Tage eins gezeigt haben, dann das. Unser "neuer BVB" ist hochbegabt, kann an guten Tagen jeden Gegner in seine Einzelteile zerlegen - sich an schlechten aber auch gegen viele Klubs frühzeitig den Schneid abkaufen lassen und folgerichtig verlieren.

Überraschen sollte das aber nun wirklich keinen von uns. Der Sommer-Umbruch fiel bekanntlich verhältnismäßig groß aus. Alles muss sich finden, sich aufeinander abstimmen, neu gewonnene Eindrücke innerhalb des Teams müssen sortiert und bewertet werden. Daraus dann ein immer wieder gut funktionierendes Gesamtgebilde zu "bauen", kann nun mal dauern. Nicht Tage, nicht Wochen. Unter Umständen - und so scheint es - dauert es Monate.

Das Geheimnis des Dortmunder Erfolgs?
Gegen die "Königlichen" von Real Madrid habe ich eine erste Halbzeit von unseren Jungs gesehen, die man zweifellos zu den Top-Ten-Leistungen der vergangenen Jahre zählen muss (Weigl, Castro überragend) Der schwarzgelbe Tempel bebte einmal mehr! Alles richtig gemacht - bis aufs Toreschießen. Unsere Jungs schienen von der virtuosen Leichtigkeit ihrer eigenen Leistung dermaßen berauscht, daß sie glatt vergaßen, daß das Runde ins Eckige muß.

Wichtigste Erkenntnis beim 2:2 gegen Real Madrid. Die Moral unserer Truppe ist hervorragend. Zwei Rückstände gegen ein Weltklasse-Team wie den spanischen Rekordmeister auszugleichen und das Star-Ensemble um Cristiano Ronaldo an den Rand einer Niederlage zu bringen. Chapeau!

Weitere wichtige Erkenntnis: die Kader-Breite ist (in der Offensive) qualitativ mittlerweile herausragend. Thomas Tuchel, der gegen die Königlichen für meinen Geschmack dennoch zu lange am später völlig entkräfteten Dembele festhielt, wechselte mit Andre Schürrle, Christian Pulisic und Emre Mor die Wende ein. Besonders beeindruckt hat mich der Auftritt von Pulisic. Der Junge hat Madrids Abwehr mal so richtig aufgemischt und in Weltklasse-Manier Schürrles 2:2 aufgelegt.

Mein Vorschlag an TT. Dembele und Pulisic jeweils 45 Minuten lang richtig austoben lassen und dann den einen gegen den anderen auswechseln. Wahrscheinlich würden die jeweiligen Gegenspieler noch am anderen Tag von Schwindelanfällen geplagt.

Die internationalen Medien überschlugen sich bereits kurz nach Abpfiff des Spiels. Im Netz jagte eine euphorische Schlagzeile die nächste. Viele etwas ZU übertrieben, viele aber auch dem großartigen Auftritt unserer Rasselbande durchaus angemessen.

Wir stehen hinter Euch, Jungs! Jetzt erst Recht!
Vier Tage später. Bay-Arena Leverkusen. Der BVB im Topspiel des 6. Bundesliga-Spieltags bei Roger Schmidts Pillendrehern. Was mich im Vorfeld tierisch genervt hat: es wurde nur noch über die Höhe des Dortmunder Sieges diskutiert.

Das wiederum zeigt, wie innerhalb der letzten Wochen, bedingt durch die wunderschönen Kantersiege gegen Warschau, Darmstadt und Wolfsburg, in Medien und Fankreisen eine überzogene Erwartungshaltung entstanden ist, der diese Mannschaft noch gar nicht gerecht werden kann (siehe oben).

Was sich dann auf dem Leverkusener Rasen abgespielt hat - man traute seinen Augen nicht. Von Beginn an fahrige und unkonzentrierte Borussen, die überhaupt nicht ins Spiel fanden.

Folge eines aggressiven gegnerischen Pressings, das teilweise über das Erlaubte hinausging. Bayers Aranguiz hätte spätestens nach seinem durchaus als absichtlich zu bewertenden Tritt auf den Arm des am Boden liegenden Ginter des Feldes verwiesen gehört. Von den Medien wurde diese Szene nicht mal ansatzweise diskutiert.
Ebenso wenig wie Calhanoglus Drei-Meter-Kamaikaze-Flug mit gestrecktem Bein gegen Lukasz Piszczek kurz vor Ende des Spiels. Dank sei dem Herrn, daß "Pischu" nicht getroffen wurde - Bänder und Knochen des Polen wären wohl vollständig zerstört gewesen.

Das allein soll die verdiente Niederlage unserer Jungs nicht erklären oder entschuldigen, muß aber einfach auch mal an- und ausgesprochen werden dürfen, ohne daß man gleich als schlechter Verlierer abgestempelt wird. Ich würde gerne einen Rudi Völler in vergleichbarer Situation in einem Interview erleben. Rumpelstilzchen lebe hoch!

Die Hauptgründe für die 0:2-Niederlage des BVB waren aber eindeutig andere. Ball-Aktionen ohne Tempo, unzählige Abspielfehler und Ballverluste, teilweise dilettantisches Defensiv-Verhalten. Das Spiel ohne Ball krankte an ungewöhnlicher Bewegungsarmut. Und vorne versagten Aubameyang & Co. mehrmals in aussichtsreicher Position die Nerven im Abschluß.

Dazu Aufstellungsfehler des Coaches - bis heute hab ich Sebastian Rodes Rolle nicht kapiert. War er Zehner? Castro jedenfalls spielte hinter Rode - statt vor ihm. Überhaupt verfiel Tuchel meiner Meinung nach wieder in sein bereits in der Vorsaison zu Recht stark kritisiertes Schema - eine zu vorsichtige und defensive Taktik in Top-Spielen. TT beraubt seine Mannschaft dadurch ihrer eigentlichen (offensiven und kreativen) Stärke.

Dazu ein fragwürdiger (und viel zu später) Wechsel in der Kreativzentrale. Tuchel brachte mit Shinji Kagawa einen Spieler, der grundsätzlich für diese Position hervorragend befähigt ist. Der aber aufgrund mangelnder Spielpraxis und fehlenden Selbstvertrauens explizit in diesem Spiel völlig überfordert und fehlbesetzt war. Zumal ein zuletzt immer besser werdender Götze noch auf der Bank saß.

Weiterer Kritikpunkt. Das fast schon an Nibelungentreue grenzende Festhalten Tuchels an Dembele. Nicht missverstehen - dieser Junge ist klasse und wird noch viel besser. Aber der Franzose läuft auf der letzten Rille, hat alle Spiele bisher von Beginn an absolviert. Der braucht ne Pause. Aber ganz dringend!

Genug Gründe also, die Niederlage in Leverkusen nicht nur an der überharten Gangart des Gegners festzumachen. Das wäre auch zu simpel und völlig falsch.

Das alles ist aber dennoch kein Beinbruch. Klar. Die Vorderösterreicher boten unserem BVB durch ihr Remis gegen die rheinischen Geißböcke eine Steilvorlage, bis auf einen Punkt an sie heranzukommen. Umso ärgerlicher ist das 0:2 natürlich.

Und trotzdem. Und da wiederhole ich mich gebetsmühlenartig. Diese Dortmunder Mannschaft (samt ihres Trainers) braucht noch Zeit. Sie ist noch immer - und das wird auch noch dauern - in einer Lern- und Findungsphase. Der Mix aus "alten Recken" und "jungen Wilden" ist mehr als schmackhaft. Braucht aber Zeit, um konstant und somit dauerhaft Top-Leistungen abrufen zu können. Es wird weiterhin glanzlose Spiele wie in Leverkusen geben. Aber auch Gala-Auftritte wie gegen Real Madrid. Also bitte GEDULD :-)

Tuchels Aufmunterung nach dem 0:2 in LEV
Diese noch fehlende Konstanz wird meiner Meinung nach in dieser Saison der Grund sein, daß unser BVB den Vorderösterreichern tabellarisch eben noch nicht zu 100 Prozent Paroli bieten kann. Aber auch das ist völlig okay. Ohnehin jammern wir doch derzeit auf hohem Niveau. Ein Blick in die geographische Nachbarschaft reicht für diese Erkenntnis völlig aus. :-)

Soooo....damit hake ich das Thema erstmal ab. Die anstehende Länderspielpause kommt diesmal scheinbar zum richtigen Zeitpunkt. Was war noch so? Ach ja. Apropos Länderspielpause. Die Nichtnominierung Gonzalo Castros für Jogis Nationalmannschafts-Kader.

Thomas Tuchel zeigte sich sehr enttäuscht über "Gonzos" Nichtberücksichtigung. Und klar - dem Spieler selbst gönnt man natürlich eine Berufung in Deutschlands Elite-Auswahl. Aber mal ehrlich - Gonzo ist Ende Zwanzig. War zehn Jahre nicht im Kreis der Nationalelf. Vermutlich ist Castros Alter Löws Hauptmotiv, auf unseren Mittelfeldspieler zu verzichten. Viel verwunderlicher (und enttäuschender) finde ich, daß Popel-Jogi weiterhin beharrlich Marcel Schmelzer ignoriert. Denn nach wie vor halte ich unseren "Capitano" für stärker als Kölns Hector.

Sooo....gabs noch was? Nö. Naja, bis auf die üblichen Randnotizen. Die Herner haben ihr erstes BL-Spiel dieser Saison gewonnen. 4:0 gegen die Fohlen von Edel-Deo-Roller Andre Schubert. Bester Beweis dafür, daß auch ein blindes Huhn hin und wieder mal ein Korn findet.... ;-)

Bei den Schluchtenscheißern läufts momentan auch nicht ganz so rund. 0:1 bei Atletico, 1:1 gegen Köln. Ancelottis Truppe darf sich zur Belohnung heute auf dem Oktoberfest austoben. Aber eigentlich interessiert das keinen, oder?

Darum hör ich jetzt auch auf. Die letzten Stunden des spielfreien Feiertags wollen noch genossen werden. In diesem Sinne. Euch allen eine schöne Woche!

Markus Flügel