Mittwoch, 24. Februar 2016

Von Wundertüten und Poltergeistern

Es geht doch! Beim überzeugenden 2:0-Sieg im Hinspiel der Zwischenrunde der Europa-League gegen das portugiesische Spitzenteam des FC Porto (Tore durch Piszczek und Reus) hat der BVB gezeigt, nicht nur ergebnistechnisch die richtige Einstellung zu diesem eher ungeliebten Championat gefunden zu haben. Vielmehr bewiesen die Borussen, daß sie im Nachfolge-Wettbewerb des UEFA-Cups nun endlich auch mental zu hundert Prozent angekommen sind.

Daß die Tuchel-Elf nur drei Tage später auch das Bundesliga-Spitzenspiel bei Bayer Leverkusen durch Aubameyangs 21. Saisontreffer mit 1:0 gewann, unterstreicht den fortgeschrittenen Reifeprozess der Schwarzgelben im Jahr 2016.

Trotz der fünf (!!) Änderungen in seiner Startformation gegenüber dem Porto-Spiel war beim BVB in Leverkusen ein Qualitätsverlust kaum festzustellen. Einzig das Fehlen des grippegeschwächten Gündogan trat in der Bay-Arena in einigen Szenen zutage, als es Borussia versäumte, schneller von Defensive auf Offensive umzuschalten. An einem insgesamt kompakten und sehr geschlossenen schwarzgelben Auftritt beim Liga-Rivalen vom Rhein änderte dies jedoch nichts. Ebenso wenig wie die durch Bayer-Coach Roger Schmidt verursachte Spielunterbrechung, bei der in der 67. Minute beide Mannschaften für ca. zehn Minuten das Spielfeld verlassen mussten.Schmidt hatte sich der Entscheidung des Referees verweigert, der ihn wegen ständigen und heftigen Reklamierens auf die Tribüne beordert hatte.

Thomas Tuchel jedenfalls ist auf dem richtigen Weg. Seine jeweilige Startformation gleicht immer mehr einer Wundertüte. Der Klopp-Nachfolger rotiert ohne Rücksicht auf Rang und Namen einzelner Personen. Tuchel macht den BVB somit für den Gegner von Beginn an schwerer ausrechenbar. Seine während eines Matches vorgenommenen taktischen Änderungen scheinen dazu von allen Kader-Mitgliedern mittlerweile nicht nur verstanden, sondern auch erfolgreich umgesetzt werden zu können.

Tuchel ist seinem Ziel, den gesamten Kader nominell und taktisch auf ein nahezu einheitliches Niveau zu heben, ein entscheidendes Stück näher gekommen. Seine teilweise krassen und rigorosen Personal-Rochaden schwächen die jeweils nominierte Mannschaft nicht mehr so vehement wie noch in Teilen der Hinrunde. Gegen Leverkusen beispielsweise suchte man hochkarätige Namen wie Gündogan, Sahin, Castro, Kagawa, Reus oder Schmelzer - teils freiwillig, teils unfreiwillig - vergeblich in der schwarzgelben Startformation. Stattdessen fügten sich Spieler ohne oder mit nur geringer Spielpraxis wie Bender, Durm, Leitner und Pulisic nahezu perfekt ins Mannschaftsgefüge ein. Bayer-Coach Roger Schmidt war sicher nicht der einzige, der sich beim Begutachten des Aufstellungsbogens verwundert die Augen rieb.

Apropos Leverkusen. Der Auftritt von Bayer-Sportdirektor Rudi Völler nach dem Spiel am Sky-Mikrofon war (wieder einmal) gelinde gesagt beschämend. Der frühere Weltklasse-Stürmer polterte in einer prolligen Art und Weise gegen Schiedsrichter und Gegner, die ihn in einer ruhigen Minute darüber nachdenken lassen sollten, ob er als Repräsentant eines deutschen Spitzenklubs so überhaupt tragbar ist. Nicht nur in seiner Art und Weise des Auftretens sondern auch in Vokabular und Inhalt seiner Aussagen disqualifizierte sich "Poltergeist" Völler einmal mehr selbst. Fehlende Selbstkritik gehörte schon in seiner Funktion als DFB-Teamchef nicht zu den Stärken des Leverkusener Sportdirektors.

Wie gut, daß wir beim BVB mit (bei Bedarf auch selbstkritischen) Verantwortlichen wie Watzke und Zorc gesegnet sind. Zwar teilen auch diese beiden gerne mal aus, wahren dabei aber in ihrer Wortwahl stets die Regeln des Anstands und Respekts. An niveaulose Wutausbrüche a la Rudi Völler kann ich mich jedenfalls bei beiden nicht erinnern.

Zuletzt noch ein Wort zur medialen Beurteilung der vieldiskutierten Szene, die zum Siegtreffer des BVB führte. Hier dreht und drehte sich nahezu alles um den Fakt, daß der Freistoß durch Matthias Ginter fünf Meter vom eigentlichen "Tatort" entfernt ausgeführt wurde. Daß aber Schiedsrichter Zwayer durch seinen Pfiff dem BVB den klaren Vorteil nahm, einen vielleicht entscheidenden Konter zu starten, fällt in nahezu der gesamten (meist oberflächlichen) Berichterstattung unter den Tisch. 
Daß Borussia später vom ausgebliebenen Elfmeter-Pfiff bei Sokratis´ klarem Handspiel profitierte, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Hier war die Aufregung beim Gegner absolut nachvollziehbar. Schwarzgelb im Glück.

Am Donnerstag in Porto (21:05 Uhr) und am Sonntag im BL-Heimspiel gegen Hoffenheim (17:30 Uhr) kann die Borussia ihren beschrittenen Erfolgsweg weiter fortsetzen. In welchen Aufstellungen? Das weiß nur Thomas Tuchel. Gott sei Dank!

Markus Flügel